WHD.local Köln 2013

Für die meisten ist „Hosting“ entweder ein unverständliches Fremdwort, irgendetwas Technisches, auf jeden Fall etwas, um das man sich nicht sonderlich kümmert – auch dann nicht, wenn man sich im Internet „zuhause“ wähnt.

Dabei sind Hosting-Dienstleister die Motoren des Webs. Ohne sie keine Webseiten, Maildienste oder Social Media Angebote wie Facebook und Co. Hosting ist sehr techniknah, wenig sexy und ein Thema für Nerds. Auch wenn dieses Thema selten im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, zuletzt beim NSA-Skandal um die Hacks der Verbindungen zwischen den diversen Google-Rechenzentren, auch Datacenters genannt.

Hosting-Technologie ist wenig sexy

Die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors „Hosting“ im weiteren Sinne ist enorm. Allein wenn man den Stromverbrauch ansieht. In bestimmten Ballungszentren, zum Beispiel in Frankfurt am Main stellen die Rechenzentren, die in der Metropole beheimatet sind, zusammengenommen den zweitgrößten Stromverbraucher dar.

Der Bedarf an Rechen- und Speicherkapazität wird weiter zunehmen. So stellen sich also Frage wie „wie bekomme ich mehr Serverkapazität auf kleinerem Raum unter“, „welche Art technischer Dienstleistung wird für welche Kundengruppen morgen gebraucht“ und „welche Services lassen sich anbieten“.

Die Hostingbranche ist groß - es gibt aber nur wenige öffentliche Fachveranstaltungen

Trotz der Bedeutung gibt es erstaunlich wenig Fachkonferenzen zu diesem Thema, gerade wenn es um die Schnittstelle Dienstleister – Kunde geht. Thomas Strohe, der Gründer der Intergenia AG wollte das ändern und hat eine Konferenzserie aufgebaut, die heute international von Bedeutung ist.

Es handelt sich um die ehemaligen „Webhosting Days“, die nach dem Ausrollen nach Asien heute unter „World Hosting Days“ firmieren. Die „große“ Veranstaltung findet einmal pro Jahr im Frühjahr in einer deutschen Location statt.

Dafür suchen sich die Macher meist einen noch winterbedingt geschlossenen Entertainment Park wie das Phantasialand Brühl oder den Europapark Rust am Rande des Schwarzwalds aus. Dazwischen gibt es kleine, eintägige Konferenzen, die in diversen Ländern und Städten stattfinden, wie etwa am 19.11.2013 in Bensheim bei Köln.

Extravagante Locations

In der Regel ist die Teilnahme kostenlos, wenn man sich vorher rechtzeitig registriert. Zu den „weichen“ Kosten, die man selbst zu tragen hat, gehört die relativ lange Anreise. Die Veranstaltungsorte sind selten zentral zum ICE-Bahnhof oder Flughafen gelegen.

Das Programm wurde in den Anfangstagen von Unternehmen wie Microsoft dominiert. Damals war die Verbreitung von Windows Server offensichtlich ein erklärtes Ziel. Linux war schon früh Serverbetriebssystem Nummer eins, während Windows die PC-Szene beherrschte. Um die Linux-Dominanz zu brechen, versuchte Microsoft mit den Betreibern von Rechenzentren und Anbietern von Webhosting-Dienstleistungen ins Gespräch zu kommen.

Parallels ist ein wichtiger Player im Softwarebereich Heute fällt auf, dass das russische Unternehmen Parallels, bekannt von der Serveradministrationssoftware Plesk sowie Hewlett Packard (HP) stets prominente Plätze auf der Agenda einnehmen. Beide Firmen sind wohl die größten Sponsoren der Veranstaltung.

Sehr gute Moderation

Sehr angenehm ist, dass die Veranstalter für diese stark männlich dominierte und durchaus für High Tech Verhältnisse sehr konservativ geprägte Branche eine Moderatorin ausgewählt haben, die sehr souverän und kompetent durch den techniklastigen Konferenztag führt. Die ehemalige Medizinstudentin Claudia van Veen ( http://www.claudiabrand.com/news.htm ) ist Musicaldarstellerin und Moderatorin, hat aber auch schon als Synchronsprecherin und Fotomodel gearbeitet.

Sie ist vor dem Publikum im Bernsteiner Schloss in mondäner Kulisse sehr präsent und motivierend. Ihr "Draht" zum Publikum war immer vorhanden. Den Vortragenden - meist handelt es sich um Angehörige des unteren bis mittleren Managements aus den Sales- oder BizDev-Abteilungen - gelang es unterschiedlich gut, eine gewisse Begeisterung herzustellen.

Das merkt man immer daran, wenn die Sprecher mit wechselndem Erfolg Aktion vom Publikum einforderten. Je näher die Präsentatoren am Produkt waren, desto mehr Authentizität kam rüber und dichter und facettenreicher waren die Informationen.

Vielleicht sollte man mehr Produktentwickler und weniger Sales-Leute auftreten lassen. Manchmal blieben die "Good morning" Wünsche des Sprechers gänzlich unbeantwortet. Manche der gezeigten Charts waren einfach zu voll geschrieben und von der Mitte des Saals aus schon nicht mehr gut zu dekodieren.

Wünschenswert wäre, wenn das Konzept der Veranstaltung es zuließe, dass im Anschluss an die Sessions mehr Zeit für Nachfragen oder bliebe. Die Vorträge sind unterschiedlich dicht und der Vortragsqualität heterogen.

Daher wäre es schon sehr gut, wenn man einige Punkte nochmal nachfragen könnte und so etwas Diskussion aufkommen könnte. Solcherart Feedback wäre sich auch für die Vortragenden wertvoll. Zielgruppenspezifisches Präsentieren kann sich nicht darauf beschränken ab und zu eine Frage ins Publikum zu stellen, diese mit Handzeichen beantworten zu lassen und darauf nicht mehr einzugehen.

Die Leute merken das und machen einfach nicht mehr mit.

Wünschenswert: Mehr Dialog zwischen Präsentator und Publikum

Parallels nutzt solche Veranstaltungen gerne, um über die eigenen Marktstudien zu berichten. Parallels richtet sich mit einem Produkt wie Parallels Desktop für Apple-Anwender, die auf MacOS auch mal Windows starten wollen oder müssen an Endkunden, vor allem aber an die Betreiber von Rechenzentren sowie an Hosting-Unternehmen. Mit seinen neuen Produkten bietet Parallels Virtualisierungsdienste "out of the box". Ein Beispiel ist die "Cloud Server" Produktreihe. Inkludiert ist dabei "Cloud Containers", die nach Unternehmensangaben meistverwendete Virtualisierungstechnologie für Linuxserver.

Parallels Marktforschung sagt stark steigenden Cloud-Bedarf bei mittelständischen Unternehmen voraus Parallels führt regelmäßige Marktforschungsumfragen durch, in denen vorrangig mittelständische und kleine Unternehmen (Parallels nennt diese "SMBs") befragt, um deren Markteinschätzungen zu einer großangelegten, weltweit Märkte vergleichenden Analyse zu verdichten.

Dabei ergeben sich Erwartungen wie ein Umsatzzuwachs im Segment IaaS (Infrastructure as a service) von prognostizierten 15 Milliarden Dollar (http://spblog.parallels.com/serviceprovider/2013/10/29/take-part-in-the-iaas-cloud-storage-revolution-infographic), die sich bis 2015 auf über 31 Milliarden steigern soll. Wie zuverlässig die Parallelsprognosen sind, vermag ich nicht zu sagen, da es wenige andere Quellen gibt, die man zur Validierung heranziehen könnte.

Immerhin sind laut Parallels etwa 6.000 SMB-Firmenangehörige in 15 Ländern befragt worden. Eine Interpretation der aktuellen Analyse ist, dass Cloud Computing auch bei kleinen Firmen angekommen ist und sowohl budgetär als auch organisatorisch in die vorhandenen Strukturen im Unternehmen passt.

Als Paradebeispiel wird oft Buchaltungssoftware oder Personal-Verwaltungssoftware (hierzulande ein Thema, mit dem sich auch die Platzhirsche Datev und Lexwaren, das zum Hauffe Verlag gehört, beschäftigen und sich ebenfalls intensiv darum kümmern). Storage als Cloud-Einstieg Zu den wohl am meisten umgesetzten Cloud-Anwendungen gehört Storage, also die Möglichkeit, Dateien online abzuspeichern.

In diesem Bereich ist RushFiles, ein Startup-Unternehmen aus Dänemark aktiv, das mit propriätärer Software versucht, eine Lösung anzubieten, für alle die keine öffentlichen Dienste wie Dropbox oder Google Drive verwenden wollen oder dürfen, aber dennoch auf die Vorzüge des Filesharing nicht verzichten wollen.

Rushfiles zeigte eine Anwendung, die Unternehmen in die Lage versetzen soll, besser auf BYOD (bring your own device) zu reagieren und eine sichere Inhouse-Storage-an-share-Lösung aufzubauen und den Mitarbeitern anzubieten. Im Regelfall sind im Unternehmensumfeld genutzte Dienste wie Dropbox für jede zentrale IT-Abteilung der reinste Horror, aber die Lebenswirklichkeit zeigt eben, dass Verbote und technische Restriktionen keine geeigneten Instrumente sind, um die Sicherheit von Unternehmensdaten zu garantieren.

Immerhin zeigt das Wachstum der Amazon Cloud mit ihrer bis 2015 prognostizierten 28 % CAGR (compound annual growth rate), dass der Bedarf an Onlinestorage da ist. Die RushFiles Software gibt es im Lizenzmodell mit einem Ungefähr-Pricing ab 1 Euro pro aktiviertem Account oder weniger, wenn das Volumen größer wird. Verwaltungs- und Automatisierungssoftware für Hoster im Massenmarkt.

Das niederländische Startup Atomia hat eine neue Verwaltungssoftware für Hoster vorgelegt und hat die typischen und notwendigen Kundenselbstverwaltungsoberflächen im Auge. Die Atomia-Software soll sich gut in die bestehende Landschaft integrieren lassen, ist whitlelabelfähig, multilingual und lokalisierter.

Die vom Kunden ausgelösten Prozesse lassen sich über APIs und SDKs anbinden. Die Plattform soll auch Billing, DNS und Domainregistrierung beherrschen. Trend-Thema SSL Die Vermarktung von SSL-Zertifikate ist in den letzter Zeit für viele Hoster wichtiger geworden. Eine Firma, TheSSLStore, versprach eine Möglichkeit, die zeitraubende und oft manuelle Installation von Zertifikaten zu automatisieren. Die Vollautomatisierung funktioniert nun bereits mit Plesk und CPanel in den Windows- oder Linuxversionen und soll 2014 auch über API-Schnittstellen aus selbsterstellten Panels heraus möglich sein.

Mehrere SSL-Zertifikate für eine IP-Adresse

Normalerweise bezieht sich ein SSL-Zertifikat immer auf eine Domain und eine IP-Adresse. Das Unternehmen GlobalSign möchte diese Hürde überwinden. Angesichts der Knappheit von IPv4 Adressen ist das eine gute Idee.

Machbar ist dies über den Server Name Identification - Mechanismus (SNI), dem sich der Internet Explorer unter Windows XP, Windows Mobile bis 6.5, Blackberry sowie der Default Browser in Android Gingerbread allerdings verweigern, wobei andere Browser unter Gingerbread SNI unterstützen.

Zwar zählen weder der IE unter XP noch Blackberry zu den Top-Aufsteigern in der Internetnutzung, dennoch sind damit schätzungsweise 8 Prozent des Traffics im Internet nicht von SNI unterstützt.

Die andere Möglichkeit, Multidomainzertifikate (wie sie zum Beispiel auch Google in Google Plus verwendet), haben einen gravierenden Nachteil: Sie kosten mehr Zeit, denn das Zertifikat, das der Client lädt, ist größer. GlobalSign hat gemessen, dass ein Domainname mit SSL rund 200 Millisekunden kostet, 750 Domainnamen mit einem Zertifikat aber schon um die 700 Millisekunden.

Legt man die von Amazon veröffentlichte Besteller-Churn-Rate an, wonach 100 Millisekunden Performanceeinbuße jeweils 1 Prozent der Sales vernichten, dann wird klar, dass Multidomainzertifikate eine E-Commerce-Bedrohung sind. Rein rechnerisch verliert man mit 700 Millisekunden also 7 Prozent der Conversions, was alle Conversion Optimierungsstrategien ad absurdum führen würde - theoretisch zumindest.

Zudem stehen die geschützten Domainnamen alle im Zertifikat und man kann nachlesen, welche Kunden der Hoster sonst noch damit schützt. GlobalSign schlägt vor, zwei Zertifikate für eine Site zu verwenden.

Eines, das ganz normal spezifisch für eine Domain installiert wird und ein zweites für die IP. Damit lassen sich dann auch Zertifikate mit Extended Validation verwenden, was bei Multidomainzertifikaten nicht geht. Weitere Themen der WHD.local Veranstaltung waren innovative Kühlungssysteme für Rechenzentren von Stulz sowie platz- und energiesparende Serverbauformen von HP, die es möglich machen, 72 statt 36 Einheiten in einem Rack unterzubringen, wobei HP von 28 Prozent Reduktion der Total Cost of Ownership spricht.

HP Moonshot: Software designed Server für Big Data und die Cloud

Vorgestellt hat HP auch seine auf Cloud-Infrastrukturen und Hostinganwendung wie Content Delivery ausgelegten ProLiant Moonshot Server mit Atom S1260 CPUs mit x86 Architektur. Damit lassen sich stark zusammengepackte Serverkapazitäten mit 45 Einzelservern pro Chassis realisieren, künftig sogar 180 mit Quadservern. HP spricht von sogenannten Software designed Servers (http://blog.pluralsight.com/hp-moonshot-software-defined-server).

Um optimal zu funktionieren und die Kraft des Rechenclusters zum Beispiel bei Big Data Anwendungen auszuspielen, brauchen diese Server dafür passende Software, wie etwa Hadoop. Angeblich hostet HP heute schon einen Teil (12 Prozent der Besucher) der eigenen Webseiten (hp.com) auf dieser Struktur und will bis auf 35.000 Pageviews sowie 700.000 gleichzeitige User hochskalieren und dabei 89 Prozent Energie sparen.

Fazit

Die World Hosting Days greifen wichtige Themen der Branche auf. Wünschenswert wäre, es gäbe einen deutlicheren roten Faden. Vielleicht könnte ein starker - firmenunabhängiger - Key Note Speaker für einen kompakteren Rahmen sorgen. So zeigt sich, dass alle Einzelsessions sehr stark auf die eine Message fokussieren, die der jeweilige Firmensprechen an den Mann bringen will.

Das geht bis hin zur reinen, nahezu faktenfreien Werbepräsentation. Keiner nimmt Bezug auf das restliche Programm, was den Zuhörern ein ständiges Hin- und Herschauten durch die Themen abverlangt: Mal wird etwas sehr high level präsentiert, dann wieder geht es um die Latenzen bei Speicherchips.

Es fehlt die Metaebene. Diese Veranstaltung leidet leider etwas durch die Abwesenheit der Big Player, in Deutschland namentlich 1&1 und Strato, von denen soweit ich mich erinnere noch noch nie jemand eine WHD- Session bestritten hat. Schon aus Unternehmensimagegründen stünde es beiden Konzernen meiner Meinung nach gut zu Gesicht, sich in solche Veranstaltungen mit Know How und Expertise einzubringen.

Ab und an sieht man lediglich den einen oder anderen Strato Produktmanager herumlaufen. Das ist leider immer noch etwas, was amerikanische Unternehmen den europäischen voraus haben: Der Umgang und der Dialog mit der (Fach-)Öffentlichkeit. Google, Facebook und Amazon lassen sich auf Branchenveranstaltungen wie auch der Onlinemarketingmesse Demexco sehen, liefern Stories und Aktivität.

Die deutschen Hoster halten sich auf einschlägigen Branchenevents vornehm zurück, beklagen aber zuweilen schon einmal, dass sie in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen werden wie es ihrer Größe eigentlich entspräche.

© 2014 Markus Käkenmeister